Heimarbeit war in ganz Vorarlberg, aber speziell im Bregenzerwald über Jahrhunderte eine verbreitete Produktionsform. Allerdings denkt man dabei eher an traditionelle Darstellungen der Handstickerinnen in der Juppe, die im 19. Jahrhundert mit dem Stickrahmen feinste Gewebe für Schweizer Auftraggeber herstellten. Doch wie sieht es mit Heimarbeit nach 1945 aus? Sie ist in der regionalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bisher wenig beschrieben worden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Arbeitsform in den vergangenen Jahrzehnten unbedeutend gewesen wäre, ganz im Gegenteil – praktisch jede/r in Vorarlberg weiß, was mit dem Begriff Heimarbeit gemeint ist. Mit dem Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Heimarbeiterinnen in Vorarlberg kontinuierlich, erreichte einen Höchststand in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre und blieb bis in die 1990er-Jahre ein fester Bestandteil des industriellen Produktionsprozesses.
Der Bregenzerwald gilt als Wiege der Industrialisierung in Vorarlberg. Seine Bevölkerung wurde im 19. Jahrhundert vor allem von Schweizer Stickereifabrikanten als Personalreserve genutzt. Im 20. Jahrhundert war es zunehmend die Stickerei-, Bekleidungs- und Wäscheindustrie aus dem Rheintal, die die Region über Heimarbeit und Zweigstellengründungen für sich erschloss.
Infolge des Wirtschaftsaufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in den 1960er-Jahren vor allem im Textilsektor zu einem dramatischen Mangel an Arbeitskräften. Auch der Ausbau der Metall- und Elektroindustrie und das Pendeln zu den besser bezahlten Arbeitsplätzen in der benachbarten Schweiz oder auch in Deutschland verschärften die Situation.
"Nähzimmer" in Schwarzenberg; copyright: Edith Ulmer
Diesem Engpass versuchten die Unternehmen mit verschiedenen Strategien zu begegnen: Eine häufige Maßnahme war, Arbeitskräfte mit einem eigenen Werksverkehr im Bregenzerwald und in anderen entlegenen Regionen einzusammeln und ins Rheintal zu holen.
Ein nächster Schritt war die Gründung von temporären Zweigniederlassungen in industriearmen Ortschaften, ein dritter Schritt der Ausbau von Heimarbeitsplätzen. Später wurden als weitere Strategie Niederlassungen in anderen österreichischen Bundesländern gegründet.
Parallel zur Industrialisierung schuf der aufkommende Fremdenverkehr Arbeitsplätze im Bregenzerwald. Speziell Frauen konnten mit der Vermietung von Gästezimmern ein selbständiges Einkommen erwirtschaften.
Unternehmen, die in den Bregenzerwald oder in andere Vorarlberger Talschaften expandierten, mussten sich auf einige Besonderheiten des Standortes einlassen.
Dazu zählte der sogenannte Heuurlaub. Die Arbeitskräfte sahen ihre Tätigkeit in der Industrie auch bei Vollbeschäftigung immer als Nebenberuf, Priorität hatte meist die Landwirtschaft.
Ein Vorteil von entlegeneren Standorten war für Unternehmen die geringere Fluktuation der Arbeitskräfte. Der Bregenzerwald war bei Auftraggebern von Heimarbeit auch deshalb beliebt, weil die Bereitschaft, rund um die Uhr – in der Nacht oder am Wochenende – zu arbeiten größer war als in den großen Industriegemeinden des Rheintals, wo die Menschen schon länger an geregelte Arbeits- und Freizeit gewöhnt waren.
Neubau eines Wolford Zweigbetriebs in Schoppernau, 1964; Archiv Wolford AG
Handstickerinnen um 1880 in Schwarzenberg, Holzstich; Angelika Kauffmann Museum
Betriebsbesichtigung (Landesrat Gasser) im Wolford- Zweigbetrieb Lingenau, 1978; Sammlung Helmut Klapper, Vorarlberger Landesbibliothek
Auftraggeberin Lustenau
Fremdenzimmer in Hittisau um 1954; Sammlung Risch-Lau, VLB